Dienstag, 31. Juli 2007

Trödler und die Selbstanzeige

«Ring-Ring…»

«Polizeirevier 25. Wie kann ich Ihnen helfen?»

«Guten Tag. Hier spricht Trödler. Ick möchte mir selbst anzeigen.»

«Aha. Weswegen denn?»

«Eben. Ick bin der Trödler.»

«Das ist für sich ja noch nichts Kriminelles.»

«Das Problem ist aber, dass mir niemand glaubt, dat ick der Trödler bin. Ick kann machen, wat ick will.»

«Was haben Sie denn bisher schon gemacht?»

«Also, ick belästige Frauen, ick verfolge die Schlampen bis in die Schlafzimmer, beleidige sie, ihre Freunde, ihre Ex-Freunde, ihre Väter, Mütter, Arbeitgeber, Hunde, Katzen und Meerschweinchen, schick ihnen Fotos von mir als Leiche, verklage sie dann…»

«Sie verklagen Ihre eigene Leiche…??»

«Wat…? Ne, nicht mir selber! Die Schlampen. Besonders alle blonden. Die sind ganz verrückt nach mir. Det heisst, eigentlich nach dem Trödler; drum will ick auch so sein wie der. Ick will der Trödler sein.»

«Sozusagen ihr eigenes alter ego.»

«Ne, lassen Se bloss meinen Alten aus dem Spiel! Und der hiess auch nicht Egon.»

«Äh……»

«Also, nehmen Se nun meine Selbstanzeige an oder muss ich Se erst verklagen?»

«Sie zeigen sich also an wegen Stalking?»

«Genau. Wegen Storking. Wenn ick damit zum Trödler werde….»

«Sie können doch ein Trödler sein, ohne sich anzuzeigen. Von denen gibt’s doch wie Sand am Meer.»

«Eben!!! Ick will nur dieser eine Trödler sein. Der Trödler aller Trödler. Der Ober-Ramschheini. Der König der Geschmacklosigkeit. Was interessiert es mich, ein Trödler unter vielen zu sein?! Himmel, ick gäbe mein letztes Wollmützchen her, um mal soviel Spass zu haben, wie der Kehrrichtverwerter. Ick wühl nur im Schrott, halte mir alte Jungfern vom Hals und sonst ist alles Banane.»

«Bananenhändler also auch noch?»

«Lassen Se mir bloss mit der Banane in Ruh! Mit der ist eh nix los. Aber ick mach dafür ganzseitige Inserate, dat ick der one and only Trödler bin, grab im Internet nach scheinheiligen Beweisen, dat dat ick bin, stell immer wieder meinen Namen neben den des Trödlers, schreib gross meine Adresse rein, veröffentliche meine Handy-Nummer. Glauben Se, dat nützt was?! Keine Schlampe schert sich um mir.»

«Mich.»

«Um Sie? Dat ist nun nachweisbar eine ganz grosse Verschwörung da hier. Aber dat sag ick Ihnen: Ick lass mir von Sie nicht das Prädikat Trödler klauen. Ick hab mir nämlich auch mal selbst fotografiert in so einer schicken Bullen-Uniform und dann das Foto meiner Angebeteten geschickt. Ick bin also so quasimodo auch einer von Ihnen. Drum könnt ick mir eigentlich auch bei mir direkt selbst anzeigen…»

Polizist, nach hinten gewandt: «Kollegen, ruft doch mal in der Klapse an. Die sollen das schicke weisse Blüschen aufbügeln für den Typen hier.»

Polizist an den Trödler: «Kann es sein, dass sie an multipler Persönlichkeit leiden?.»

«Aber ganz und gar nicht, Herr Kollege! Es kann nur einen geben!!!»

«Ich seh da grad… Ich glaub, wir kennen uns bereits. War da nicht mal was mit einem Anhänger… und verschwundenen Büchern…?»

«Klick. Tut-tut-tut…»

Freitag, 6. Juli 2007

Trödler als Schmierenkomödiant

Prolog:
Die Besitzerin eines kleinen, feinen Provinztheaters war gestorben. Unser allseits bekannter Ramschler, ab und zu auch in diesem Theater anzutreffen (nachdem er aus zahlreichen anderen wegen Spendenaffairen, Stalking weiblicher Besucher und mutwilliger Störung des Thaterbetriebes rausgeflogen war), witterte seine Chance zur Diversifikation, machte öffentlich ein Riesengeschrei über «den herben Verlust seiner lieben Freundin», erweckte damit den Anschein redlicher Trauer und schlich sich so in das Theatermanagement ein. Sofort wollte er den Spielplan von klassischen Stücken hin zu Schenkelklopf-Komödien ändern, sämtliche Rollen selbst spielen und natürlich auch die Regie führen. Regisseur Schang und ein paar Getreue boten dem Trödler standhaft Widerstand. Sein Ziel hartnäckig verfolgend, baute er seine Forderung alsdann lauthals in die Vorführung ein. Nachfolgend ein Auszug aus «Romeo und Julia»:

Trödler: Romeo
Justitia: Julia
Stasi-Angie: Amme
Stöffel: Mercutio
Friedrich: Tybald
Schang: Regisseur
Grütze: Souffleur

Szene: Julia steht auf dem Balkon und lauscht den süssen Worten Romeos.

Julia: «Oh, willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch fern.»

Romeo: «Nichts da, der Tag ist nah, an dem dieses Theater mir gehören wird.»

Julia (leicht irritiert): «Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang.»

Romeo: «Der Schang war´s, dieser Nachtverkünder,
 niemand will ihn; sieh den neid´schen Streif der Deppen hier.
 Der dort, der an Bord für Gewitterwolken sorgt,
 der Schang hat seine Kerzen ausgebrannt. Ich geh jetzt und schmeiss ihn aus dunst´gen Höhn. Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod.»

Mercutio, am Boden liegend: «Halt dich an den Text, du Idiot!»

Romeo: «Halt die Klappe, Mercutio, du bist tot!»

Julia: «Dein Fackelträger diese Nacht zu sein,
 Dir auf dem Weg nach Mantua zu leuchten…»

Romeo: «Ja, heim leuchten will ich diesem Schang! Lass mich
ihn greifen! Lass mich ihn töten!»

Regie: «Romeo, wir geben heute «Romeo und Julia» und nicht «Richard III.»

Zaghafter Applaus aus den Zuschauerreihen.

Tybald schreitet würdevoll den Degen schwingend auf die Bühne und überreicht Romeo das Textbuch: «Hier steht, du nichtsnutziger Montague, was du zu sagen hast!»

Julia: «Es ist die Lerche, die so heiser singt und raue Weisen, falschen Misston gurgelt.»

Romeo: «Genau, an die Gurgel geh ich dir, so du die Regie nicht überlassest mir.» Und leicht erstaunt: «Mann, det reimt sich sogar…»

Regie: «Du fliegst gleich raus, du komischer Vogel!»

Julia: «Romeo, so bleibe noch. Zu gehen ist ja noch nicht Not.» Und an Tybald gewandt: «Misch dich nicht ein, du übler Capulet!»

Romeo: «Wer kopuliert…?»

Auftritt der Amme: «Ach, jetzt hab ich meinen Text vergessen…»

Grützes Stimme aus dem Untergrund: «Macht nix, Amme. Plapper einfach dem Romeo nach.»

Zuschauerstimme: «Ist das jetzt hier „Kuck mal, wer da spricht?“»

«Pssssssst…!»

Julia: «Die Lerche sagt man, wechselt mit der Kröte…»

Mercutio, immer noch am Boden liegend: «Und dafür krieg ich zweihundert Kröten und ein kleines Helles.»

Tybald zu Mercutio: «Wird der Trödler Chef, darfste noch zahlen, damit ich dich erstechen darf.»

Romeo: «Stets heller – und stets dunkler unsre Leiden. Reich mir deine Brust, Amme! Mich dürstet nach Rache.»

Vorhang fällt unvermittelt. Ein Aufschrei geht durchs Publikum. Hinter dem Vorhang rumpelt es.

Stimme, wahrscheinlich die von Romeo: «Macht mal jemand das Licht an?»

Stimme, wahrscheinlich die von Tybald: «Ich blas dir gleich deines aus, du Schmierenkomödiant!»

Stimme, wahrscheinlich die vom Souffleur: «Das tönt nach braunem Sumpf und gehört nicht hierher!»

Klatschendes Geräusch.

Stimme, wahrscheinlich die von Romeo: «Autsch!»

Stimme, wahrscheinlich die von Julia: «Runter von mir, Romeo!»

Stimme, wahrscheinlich die von Mercutio: «Kann ich jetzt aufsteh’n? Ich will dem Trödler eine scheuern.»

Regie: «Wir unterbrechen kurz mit ein wenig Werbung.»

Stimme, wahrscheinlich die von Romeo: «Runter von mir, Amme!»

Stimme, wahrscheinlich die der Amme: «Aber du hast doch gesagt, wir kopulieren…»

Stimme, wahrscheinlich die von Tybald: «Scheisse, ich krieg den Degen nicht aus Mercutio raus.»

Regie: «Ist zufällig ein Arzt da?»

Stimme aus dem Zuschauerraum: «Ich bin Arzt. Dr. House. Aber im falschen Film.»

Epilog:
Die Balgerei hinter den Kulissen ging noch eine Weile weiter. Die Zuschauer waren sich in ihrer Meinung über die Darbietungen des Ensembles nicht einig, argumentierten, wurden lauter, schrien sich an, um schliesslich ebenfalls in einer fröhlichen Rauferei zu enden.

Unser Hauptdarsteller zog sich diskret von dieser Bühne zurück, nicht ohne während Wochen Flugblätter mit üblen Pamphleten gegen das kleine Theater zu streuen. Er trat in Talkshows auf, schrieb Leserbriefe an die «Bild» und gab Radiointerviews. Unser Ramschheini schrieb ein eigenes Stück. Ein Einmannstück mit vier Personen, die er alle selbst spielte. Auf der Hebebühne eines alten Lasters.

Doch seine Rache wird kommen. Unser Anwärter für die «Matschige Banane» gründete sein eigenes Schmierentheater und bringt Stücke aus Pixi-Büchern. Mit den üblichen Verdächtigen als Entourage und ihm selbst als Omnipräsenz. Sein Konterfei grinst von den «grössten Plakaten der Branche» (O-Ton), sein Ramschladen verhökert seine Drehbücher als Raritäten. Daneben verklagt er natürlich Gott, sich selbst und die Welt. Und die Schihitologen (wie schreiben die sich bloss?).

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